Heike Grüning ~ Gedichte

Gedichte und Bilder

Ambivalenz

Gedichte und Bilder von PALOMA

Ambivalenz - Gedichte und Bilder von PALOMA - Titelbild

Illustration zu: Hermann Hesse "Gestutzte Eiche"

Inhaltsverzeichnis der Gedichte

© Heike Grüning

Ach

Ängste kreisen wie die Geier
über allem Tagwerk hin,
keine Blume ohne Schleier,
hinter allem Hintersinn.

Dort die Meise: Voller Leben
trällert sie ihr Frühlingslied;
wird der Katze Futter geben,
ehe sich’s die Brut versieht.

Hier ein warmer Sommermorgen,
der ein sanftes Glück verspricht;
milder wirken alle Sorgen,
bis der Schein zusammenbricht.

Langsam sink ich trostlos nieder
in ein enges, kaltes Tal;
find mich nur als Schatten wieder:
innen hohl und außen kahl.

Heike Grüning: Feuersalamander

Feuersalamander

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alternativ

Mein Kummer kümmert sich um sich
und denkt, er hätte Flügel.
Er flattert durch mein Nebenhirn,
Großhirn, Kleinhirn, Matschhirn
und hängt sich auf den Mantelbügel,
damit ich ihn betrachten muss,
beachten muss,
benutzen muss,
wenn’s kalt wird,
wenn’s eng wird,
wenn ich nackt im Regen stehe
und nichts als dicken Kummer sehe.

Ich zieh ihn an und gehe raus,
laufe los,
wanke herum
und heule und jaule
und ärgere mich über mich!

Da treffe ich ihn:
Baum.
Großer Baum am Waldessaum.
Ich lege meine klammen Hände
auf seine groben Rindenwände
und atme.
Atme ein – atme aus.
Und nochmal.
Und nochmal
...
bis in die fernen Lungenspitzen,
wo schwarze Kummerreste sitzen.

Dann hört mein Atmen auf
und sein Atmen ist unser
Kummer-raus-atmen.
Der fremde Rhythmus
nimmt mich auf in seine Rinde.
Ich bin die Kranke, Taube, Blinde,
die mit den Händen sehen lernt.

Danke, Baum!

Heike Grüning: Bäume bei Braunichswalde

Bäume bei Braunichswalde

Heike Grüning: Blick auf Gauern

Blick nach Niederpöllnitz

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Fernweh

Hohe Gipfel,
hohe Wellen,
hoher Mond am Meeresstrand,

fremde Menschen,
fremde Speisen,
fremder Klang im bunten Land,

neue Rhythmen,
neue Formen,
neue Kunst, die tief berührt,

sanfte Gesten,
sanftes Lächeln,
sanftes Wesen, das verführt,

bis man Sehnsucht
nach der Wiese
hinterm Elternhaus
verspürt.

Heike Grüning: Mohnblume

Mohnblume

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Glück

Hüpft die Seele durch das Wasser,
tanzt sie jauchzend, dreht sich schnell
und wird glücklich nass und nasser
in dem klaren, frischen Quell.

Durchgesprudelt schwebt sie kichernd
übers weite Ährenfeld.
Kaum das eigne Leben sichernd
saust sie so, wie's ihr gefällt.

Fliegt die Seele –Seele fliegt! –
frei von allen falschen Zwängen,
sinkt sie dann zum Abendlied
ohne Hektik, ohne Drängen.

Und das enge, kalte Tal
wandelt sich zum Lebensraum:
lieben, tanzen, … ganz nach Wahl,
schlafen unterm Lieblingsbaum.

Heike Grüning: Glück

Illustration zu: Ingeborg Bachmann "Die große Fracht"

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Gute Stimmung – reduziert auf Sorge

Schwer vom Sommer
beugen sich die Zweige –
dunkles Grün im Septemberblaugrau.
Die Eichenfrüchte ploppen regelmäßig
unregelmäßig
ins wettersatte Gras.

Mauersegler am dämmernden Himmel
entschließen sich vage
für Regen oder nicht.
Morgen Sommer oder nicht?
Morgen Herbst oder nicht?

Ich fühle mich gut, oder nicht?
Der Tag war schön, die Arbeit leicht.
Jetzt geht der verhaltene Abend über
in die lakendurchwühlte Nacht,
denn die Sorge bleibt:
Schneller, höher, weiter –
oder nicht?

Heike Grüning: Bernsteinkreislauf

Bernsteinkreislauf

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Manchmal im Keller

Manchmal geh ich den Keller
meiner Seele
ganz hinab.
Such nach Dickem, Starrem, Schwerem
wie in einem alten Grab.

Manchmal muss ich …
Manchmal soll ich …
Manchmal will ich
tiefer graben,
dreh das Dicke, Starre, Schwere,
an dem sich fette Maden laben.

Manchmal zerr ich Totgeglaubtes
hoch ans Licht,
und mir wird kalt:
Nichts ist tot.
Alle Fehler leben weiter
in der Kellerdunkelheit.

Selbst das Größte, Schönste, Beste
kippt mir in den Keller weg
und liegt trostlos in den Ritzen,
als wär’s abgestandner Dreck.

Manchmal muss ich …
Manchmal soll ich …
Manchmal will ich
klüger werden.
Und die Kellernabelschau
schützt
meine Seele
vor’m Verderben.

Heike Grüning: Schimäre

Schimäre

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Naturalismus

Na gucke!
Hoppla!
Ja sowas!
Wow!
Gibt’s denn das!
Schneeglöckchen!

Heike Grüning: Naturalismus

Ausschnitt aus: Rückblick auf sympathische Typen

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Sommerfrühling – Frühlingssommer

Sommerfrühling – Frühlingssommer,
Lindgrün grünt zum Grün.
Töne tönen überschwänglich.
Tausendfaches Blühn!

Schaun wir auf ein kleines Raster
frisch gespross’ner Wiesen,
bestaunt mein tief bewegtes Ich
die kleinen, starken Riesen,

die sich breit und schlank und hoch
und viel und seltsam recken
und zwischen, unter, neben sich
so manch Getier verstecken.

Es summt und surrt und lockt,
es raschelt, huscht und singt.
Morgens stöhn ich lächelnd auf,
weil Frühlingssound mein Hirn durchdringt.

Und abends gibt’s ein Livekonzert
von Amsel, Drossel, Fink und Star.
Ich höre zu und freue mich,
wie gut der Tag trotz allem war.

Heike Grüning: Sommerfrühling – Frühlingssommer

Weggefährten

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Unser Projekt

meinerseits keine Bedenken
deinerseits Hände verschränken
meinerseits strahlendes Glück
deinerseits skeptischer Blick
meinerseits träumen im Überschwange
deinerseits grübeln
lange
lange
lange

meinerseits zappeln und flehen
deinerseits wenden und drehen
meinerseits maulende Myrte
deinerseits klare Distanz

Jetzt: dein Projekt – ganz!

Heike Grüning: Die Argonauten

Die Argonauten

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Unwörter

offiziell:
ausländerfrei Besserwessi
Politikverdrossenheit
Sozialabbau Überfremdung
Superwahljahr Multimedia
Diätenanpassung Sparpaket
Rentnerschwemme Reformstau
Wohlstandsmüll
sozialverträgliches Frühableben
Kollateralschaden Schwarzgeldaffäre
national befreite Zone Gotteskrieger
Teuro Ich-AG Humankapital
Tätervolk
Entlassungsproduktivität Herdprämie
notleidende Banken
betriebsratsverseucht alternativlos
Wutbürger Gutmensch Lügenpresse
postfaktisch Volksverräter
alternative Fakten

persönlich:
Pech gehabt
mal sehen
wird schon werden
da musst du durch
vielleicht - hab grad Stress
die da
man sollte
sorry
ja, ja
ist sowieso egal

ich halt mich da raus

Heike Grüning: Bonbonidealismus

Bonbonidealismus

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Zivilisation

Das Lied der Amsel
schwebt
sinkt
fällt
in meine
abendliche Seele.
Ich frage mich,
was sie wohl träumt

und stehle mich rein,
um bei
Fernsehunterhaltung
glücklich
abgelenkt

einsam zu sein.

Heike Grüning: Zivilisation

Amselnest

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Zwiegespräch

Manchmal bin ich
Hans-Guck-In-Die-Luft
und manchmal bin ich ein Stern.
Manchmal bin ich ein vertrackter Schuft
und manchmal hat man mich gern.

Bin freundlich, klug und leuchtend zart –
bin hässlich, anmaßend und hart.
Bin klein, verzweifelt, ängstlich, dumm –
bin an der falschen Stelle stumm.
Bin auf und ab und gut und schlecht –
bin sehr gerecht und ungerecht.

Stelle nicht nach mir die Zeit!
Schlag nicht auf meine Träume ein!
Geh mit mir durch die Dunkelheit!
Lass uns gemeinsam Brücke sein!

Heike Grüning: Zwiegespräch

Illustration zu Franz Kafka "Die Brücke"

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